Getreide: Internationale Handelsströme und Versorgungsbilanzen der Europäischen Union

Weizenfeld
Foto: BML / Alexander Haiden

Der Krieg in der Ukraine hat zu Verwerfungen bei den Getreidelieferungen aus der Region geführt und große Unsicherheit im weltweiten Getreidehandel verursacht. Als Reaktion darauf sind die Getreidepreise stark gestiegen.

Laut United Nations Comtrade Database betrugen im Jahr 2020 die globalen Exporte von Weizen rund 193 Millionen Tonnen, von Mais etwa 185 Millionen Tonnen und von Gerste 35 Millionen Tonnen. Signifikante Anteile entfielen dabei auf die Ukraine: 9 Prozent aller Weizenexporte (nach Russland, den USA, Kanada und Frankreich an fünfter Stelle des globalen Exportrankings), 15 Prozent der Maisexporte (nach den USA, Argentinien und Brasilien an vierter Stelle) und mit 14 Prozent aller Gersteexporte an zweiter Stelle nach Frankreich.

Neben wichtigen Partnerländern wie China (Gerste, Mais) oder Indonesien (Weizen) bezogen auch die Mittelmeeranrainerstaaten Nordafrikas und Länder des Nahen Ostens größere Mengen an Weizen, Mais und Gerste aus der Ukraine. Hervorzuheben wäre dabei insbesondere Ägypten. Ein genauerer Blick auf diese Länder zeigt, dass Ägypten 2020 mehr als 80 Prozent der Gerste und jeweils rund 20 Prozent von Weizen und Mais aus der Ukraine importierte. Auf aggregierter Ebene (Ukraine und Russische Föderation) betrachtet, beziehen die Türkei, Ägypten, Libyen, Israel oder Jordanien 80 Prozent ihrer Weizen- und Gersteimporte aus diesen beiden Ländern. Insbesondere bei Mais hat die Ukraine als Herkunft gentechnikfreier Ware für die Futtermittelindustrie der Europäischen Union eine hohe Bedeutung.

Getreideimportanteile aus der Ukraine
Foto: Comtrade 2022, © Australian Bureau of Statistics, GeoNames, Microsoft, Navinfo, OpenStreetMap, TomTom, Wikipedia, Unterstützt von Bing

Die Versorgungsbilanz der Europäischen Union stellt sich für die drei Kulturen Weizen, Gerste und Mais auf Basis von Daten der Generaldirektion AGRI der Europäischen Kommission für die Jahre 2021/2022 folgendermaßen dar. Mit Ausnahme von Mais stammen über 90 Prozent der verfügbaren Mengen aus Produktion der Europäischen Union. Deutlich höher als bei Weizen und Gerste (jeweils 2 Prozent der Herkünfte) waren die Maisimporte der Europäischen Union (14 Prozent der gesamten Herkünfte) aber auch dessen Lageranfangsbestand (21 Prozent der Herkünfte). Dieser hat bei Mais um vier Prozent und bei Weizen übers Jahr um ein Prozent abgenommen. Deutliche Außenhandelsüberschüsse waren bei Weizen und Gerste zu verzeichnen. Für die Verwendung in der Europäischen Union standen demnach rund 93 Millionen Tonnen Weizen, 80 Millionen Tonnen Körnermais und 44 Millionen Gerste zur Verfügung. Betrachtet nach der Art der Verwendung entfiel mit Ausnahme von Weizen (44 Prozent gingen in die menschliche Ernährung) der Großteil des Körnermaises und der Gerste - mit jeweils rund 80 Prozent - auf die Futtermittelherstellung. Der Anteil für die industrielle Verwertung lag je nach Getreideart zwischen 10 und 14 Prozent, wobei auch die Braugerste der industriellen Verwertung zugerechnet wird.

Die Ukraine zählt zu den wesentlichen Playern auf den internationalen agrarischen Rohstoff-Märkten und ist als Getreidelieferant insbesondere auch für Nordafrika und den Naher Osten relevant.

Mögliche Exportreduktionen oder -ausfälle der Ukraine, bedingt unter anderem durch eine unterbrochene Transportlogistik oder Unsicherheiten hinsichtlich der aktuellen und künftigen Anbausaison - zusätzlich verstärkt durch russische Ausfuhrverbote und Exportquoten bezüglich Getreide - führen zu Verwerfungen auf den Agrarmärkten und ein geringeres Angebot in Kombination mit und stark gestiegene Preisen bei Brotgetreide könnte in Regionen wie Nordafrika oder dem Nahen Osten, die stark von ukrainischen Getreidelieferungen abhängig sind, spürbare Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung haben. Die hohen Getreidepreise schlagen sich aber auch auf andere landwirtschaftliche Produktionsbereiche nieder. Insbesondere die Tierhaltung ist von den gestiegenen Futtermittelkosten betroffen. Zudem belasten die hohen Energiekosten bzw. der Ausfall von Produktionsstandorten die Verfügbarkeit von Düngemitteln und werden somit auch für das zweite Halbjahr 2022 bzw. den nächsten Anbauzyklus 2022/23 beeinflussen. Die weitere Entwicklung auf den Märkten wird sehr stark von der Dauer des Konflikts, den damit verbundenen Liefereinschränkungen (auch anderer Länder) und damit dem „Offenbleiben“ der Märkte abhängig sein. Für die globale Versorgung mit Getreide und um etwaige Ausfälle auf globalem Niveau kompensieren zu können, werden auch die Anbau- und Vegetationsbedingungen (ausreichender Niederschlag) in den einzelnen Regionen entscheidend sein.

Text: Josef Hambrusch/Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen

Quellenangaben: United Nations Comtrade Database

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